Im Jahr 1987 nahm die Taubenplage in unserer Stadt ihren Anfang. Schuld an allem war zunächst ein eifriger Schreiberling, der 750 Jahre zuvor Berlin erstmalig in einer Urkunde notiert hatte. Die greise Hauptstadt wurde aus diesem Anlaß von ihrer nicht minder vergreisten Regierung in gewohnter DDR-Gigantomanie ein ganzes Jahr lang befeiert und dabei u.a. Unmassen des symbolträchtigen Federviehs in die ungeschützte Stadt entlassen. Mit den Lügen der Geschichte haben inzwischen viele gelernt zu leben, nicht aber mit den Berliner Flugratten. Für alle, die ersteres nicht akzeptieren wollten und wollen, gibt es seit 1987 auch die KvU. Für das zweite Problem finden wir noch eine Lösung.

Nicht ganz zufällig bevölkerten gleichzeitig unzählige loyale Christen auf einem groß angelegten Kirchentag die festliche Hauptstadt. Fromme Sandalen- und BartträgerInnen tapsten in Jesus Spuren von Bergpredigt zu Bergpredigt, sich versichernd, wie – wenn auch nicht immer unproblematisch, so doch – im Grunde gut und edel die sozialistische Welt sei. Wir waren damals auch mit von der Partie, allerdings, ein Stachel im Fleische kirchlicher Selbstzufriedenheit, als Kirchentag von Unten (KtvU).

Damals wie heute bestand die KvU aus Menschen unterschiedlichster Couleur: Die Farbpalette reichte seinerzeit von Castellanirot über Hirschbeutelgrün bis zum gediegenen Schwarz. Der bunte Haufen war und ist in Personalunion Zielgruppe und Träger einer (DDR-) spezifischen Form kirchlicher Jugend- und Sozialarbeit, die sich durch die Abwesenheit jedweder „gelenkten“ Sozialarbeit auszeichnet.

Vielmehr bildet das Verantwortungsbewußtsein jedes Einzelnen die Grundlage für einen partnerschaftlichen Umgang miteinander und läßt in der Gruppe keine Hierarchien zu. Dem liegt unser Anspruch zugrunde, keine Strukturen zu dulden, die andere Menschen unterdrücken. Dieser Idealfall muß allerdings im Beziehungsgeflecht unserer Gruppendynamik immer wieder aufs neue erkämpft und hinterfragt werden. Die Erfahrungen aus solchen Auseinandersetzungen erzeugen eine spezielle Form des Miteinander-Umgehens in der VV und lassen diese besonders schüchternen Außenstehenden häufig als abgeschottete, verschworene Gemeinschaft erscheinen. Die KvU ist aber weder eine Therapiegruppe für Althippies, Anarchopunks und andere seltsame Sitzengebliebene, noch will sie sich zum Billigst-, Veranstaltungs- und Saufort bestimmen lassen. Sie ist allenfalls eine Mischung aus beidem. Die spezifischen Würze jedoch ergibt sich aus der sensiblen Basissuppe unserer sozialen und politischen Vorstellungen, deren unbeirrter praktischer Anwendung und nicht zuletzt einem wohldosierten Spritzer Bier.

Unsere unentwegte, spaßfinanzierte Emsigkeit wird von einem minimalen, aber kontinuierlichen finanziellen Budget gestützt. Dies ist die Grundlage, auf der wir unseren sozialen Anspruch umsetzen können: Menschen sollen ihren kulturellen und kulinarischen Grundbedürfnissen unabhängig vom Inhalt ihrer Brieftasche nachgehen können. Bewußt unkommerzielle und subkulturelle Angebote bestimmen den Charakter der KvU, deren Klientel damit nicht unbedingt den Idealen von Schwiegermüttern und Vermietern entspricht.

Und das Problem mit den Flugratten? Voller Bescheidenheit bleibt anzumerken, daß Dich die Berliner Tauben, höchstgeneigter Leser und liebreizende Leserin, allem Augenschein nach so neugierig gemacht haben, daß Du auch diesen Artikel aufmerksam bis zum Ende studieren mußtest. Um Deine Geduld nicht unnötig zu strapazieren, erspare ich es Dir und mir, den Begriff nun mit einem überaus tiefsinnigen Wortspiel wieder aufzugreifen.

Statt dessen sei noch auf eine Publikation hingewiesen, in der der Werdegang der KvU nachzulesen ist und die bei uns erworben werden kann:

„Wunder gibt es immer wieder. Fragmente aus der Geschichte der Berliner Offenen Arbeit und der KvU.“ (Berlin 1997)